Corona: Stillstand oder Chance?

Corona: Stillstand oder Chance?

30 Nov 2021von Bernhard4 min

Von einem Tag auf den anderen hat das Coronavirus vieles, das uns bis dahin selbstverständlich schien, verändert. Doch gegen die wirkliche Gefahr, die von Covid-19 ausgeht, gibt es weder Impfungen noch Medikamente.

Stellen Sie sich einmal vor, dieser Tage kämen Gäste aus einer fremden Galaxie zu Besuch nach Berlin. Nachdem sie Tausende von Lichtjahren unterwegs waren, verlassen sie ihr Raumschiff und stellen verwundert fest, dass unser Planet doch ganz anders ist, als er es immer in ihrer Vorstellung gewesen war.

Hatten sie nicht dort, von wo sie einst aufgebrochen waren, immer gehört, die Bewohner der Erde seien besonders naturverbunden, gesellig, und auch brennend daran interessiert, wie das Leben in der Ferne des Alls aussieht? Und jetzt das.

Selbst wenn sich die intergalaktischen Besucher wohl kaum einen großen Empfang erwartet hätten, die Tatsache, dass niemand ihre Ankunft zur Kenntnis nimmt, muss selbst für Extraterrestrials erstaunlich sein. Denn gleichgültig, wohin sie auch schauen, die Reaktionen bleiben überschaubar. Hier ein erstaunter Beitrag in einem sozialen Netzwerk, dort die Frage eines Juristen, ob die Quarantänebestimmungen nicht auch für Gäste aus dem All gälten.

Der Zustand heißt Krise

Doch ansonsten Stille. Bereits nach kurzer Zeit hätten die Fremden den Eindruck, für uns Erdbewohner gäbe es nur ein einziges Thema. Verwundert würden sie in Tageszeitungen schauen, durch Fernsehkanäle zappen, Internetportale durchstöbern und die wenigen Menschen auf den Straßen ansprechen. Alles nur, um am Ende resigniert festzustellen, dass man selbst dort, wo man vor kurzem noch die Politik kritisierte, das Essen lobte, über die Wirtschaft diskutierte oder das Wetter beklagte, ausschließlich über das neuartige Virus spricht.

Selbst die Präsidenten großer Staaten unterhalten sich nicht mehr über Handelserleichterungen oder Abrüstung. Viel lieber verschwenden sie ihre Zeit einzig und allein damit, sich selbst und ihre Regierungen für die von ihnen gesetzten Massnahmen zu loben und jeweils andere Länder für die Entstehung des Krankheitserregers verantwortlich zu machen.

»Die Menschen auf der Erde«, so würden die verblüfften Besucher wohl nach Hause funken, »denken, handeln und leben alle so, als gäbe es kein Morgen. Sie sitzen zuhause herum und warten, dass andere ihnen sagen, was sie tun sollen.« Um dann hinzuzufügen: »Sie haben auch ein Wort für diesen Zustand. Es heißt Krise.«

Corona-Party mit Tiger

Dabei bin ich mir durchaus sicher, dass selbst Außerirdische das Virus ernst nehmen würden, und wahrscheinlich täten sie auch gut daran. Denn selbst wenn es sich am Ende tatsächlich nur um eine etwas heftigere Form der Grippe handelt, wie es von manchen Fachleuten propagiert wird, macht es für diejenigen, die am Ende daran ersticken, keinen großen Unterschied.

Als Reisender habe ich bereits vor dreißig Jahren gelernt, Gefahren nicht einfach zu ignorieren. Bis heute esse und trinke ich in manchen Ländern nichts, das nicht gekocht oder geschält ist. Ein Verzicht, der immer noch besser ist, als eine Woche mit Brechdurchfall im Bett zu liegen. Ähnlich verhält es sich damit, aus Protest gegen die Gesellschaft eine Corona-Party zu veranstalten. Das ist ähnlich sinnvoll wie im Zoo mit dem Tiger spielen zu wollen.

Stillstand im Kopf

Verwundern würde die exotischen Gäste also weniger die Krankheit als solches. Es wären vielmehr die Auswirkungen, die für Erstaunen sorgen dürften. Denn aus der Distanz würden sie wahrscheinlich beobachten, dass die Menschheit in zwei Gruppen zerfallen ist.

Zum einen gibt es eine kleine Minderheit, die ihre Energie darauf verwendet, Alternativen zu jenen Handlungsmodellen zu suchen, die sich so abrupt als untauglich erwiesen haben. Und dann gibt es eine große Mehrheit, bei denen das Virus Tatkraft, Urteilsfähigkeit und Entscheidungsfreude komplett zum Erliegen gebracht hat. Für solcherart Erkrankte scheint die Zeit einfach stillzustehen. Wie anders ließe sich sonst erklären, dass einst selbstständige Menschen nur noch wie gelähmt auf Anweisungen warten?

Glauben diese Menschen denn tatsächlich, sie würden eines Tages wie aus einem schlimmen Traum erwachen und alles so vorfinden, wie es zuvor war?

Es mag durchaus sein, dass Regierungen und Behörden in dieser turbulenten Zeit die Rechte der Bürger mehr einschränken als ihnen eigentlich zusteht. Es mag genauso sein, dass mancher sich dadurch bevormundet fühlt. Natürlich ist es bequemer, Anweisungen auszuführen und auf Hilfe von außen zu warten als sich auf den Allerwertesten zu setzen, die Ärmel hochzukrempeln und zu beginnen, etwas zu tun. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es vielen besser gefällt sich in ihren Problemen zu suhlen als sich auf die Suche nach Lösungen zu begeben.

Aufbruch

Doch was, wenn am Ende die erhoffte Unterstützung nicht kommt? Dann haben sie umsonst gewartet.

Wir müssen uns weder die Situation schön reden noch von den großen Chancen fantasieren, welche die Krise angeblich jedem von uns bieten kann. Wir müssen einzig aus unserer Lähmung erwachen und beginnen, etwas zu tun. Die Situation so annehmen, wie sie ist: herausfordernd, beängstigend, unbequem. Verstehen, dass das Leben auch in schwierigeren Zeiten weiter geht.

Im chinesischen Shaolin-Kloster, das seit über 1500 Jahren als die Wiege der Kampfkunst gilt, sagt man: »Wo dein Geist ist, dorthin wird dein Körper folgen.« Die verwunderten Außerirdischen werden in wenigen Tagen wieder abreisen und eine andere Galaxie besuchen. Wir aber werden später mit jenen Ergebnissen leben müssen, die wir uns heute selbst produzieren. 
(Dieser Artikel entstand im April 2020 als Gastbeitrag für die Zeitschrift »Berlinerin«)

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