Das Geheimnis wahrer Stärke

Das Geheimnis wahrer Stärke

22 Nov 2021Bernhard

»Als ich Shi De Cheng, meinen Shaolin Meister, das erste Mal sah, war ich enttäuscht«, berichtet Bernhard Moestl, der einige Zeit bei den Shaolin Mönchen in China lebte. »Shi De Cheng ist zwei Köpfe kleiner, als ich. Aber dann zeigte sich, was für ein großartiger Shaolin Kämpfer er ist und über welche unglaubliche innere Größe und Autorität er verfügt. Durch ihn wurde mir bewusst, dass die wahre Stärke der Shaolin nicht in reiner Muskelkraft und körperlichem Training liegt.« Um die Shaolin Mönche und das Kloster ranken sich unzählige Mythen. Einerseits sind sie als die unbesiegbaren Meister des Nahkampfes bekannt.

Wer aber glaubt, die Lehre von Shaolin sei eine des Kampfes, irrt sich. Das Geheimnis der unschlagbaren Shaolin liegt in ihrer mentalen Stärke.

Das weltbekannte 1.500 Jahre alte Shaolin Kloster befindet sich im Herzen Chinas, am Berg Song Shao. Es ist auch als Geburtsort des Shaolin Kung Fu bekannt. „Das körperliche Training der Shaolin Mönche ist unglaublich hart und für normale Menschen nicht durchzuhalten,“ berichtet Bernhard Moestl. „Ziel der körperlichen wie auch der geistigen Übungen ist immer den Verstand auszuschalten, über das Denken hinauszuwachsen. So imitieren wir die Bewegungen eines Drachens oder Tigers solange, bis wir zum Drachen, zum Tiger werden und die Gedanken still stehen.“ Aber wie erlangen wir die Stärke der Shaolin, ohne uns wie Bernhard Moestl in das Shaolin Kloster zu begeben? »Wichtig ist erst einmal uns unserer Stärken bewusst zu werden, sie anzuerkennen«, rät er. „Jeder hat besondere Fähigkeiten. Wir haben die Verantwortung sie zu entfalten und mit der Welt zu teilen.

Ein Tiger würde nie auf die Idee kommen, sich zu fragen, ob er etwas kann oder nicht. Er denkt nicht darüber nach. Er macht es einfach. Einem Tiger kannst du nicht einreden, dass er das was er tut, nicht kann. Wir zweifeln viel zu viel, anstatt uns auf unsere Stärken zu besinnen und zu handeln.

Unsere Zweifel spiegeln sich auch in unserer Ausstrahlung wieder. Andere spüren instinktiv, ob wir unsicher sind. Sie spüren genau wie weit sie gehen und was sie mit uns machen können. Wer sich immer wieder Angriffen ausgesetzt und nicht geachtet sieht, kann sich die Frage stellen: Was habe ich an mir, wie verhalte ich mich, dass andere mich für schwach halten. „Wir können nur dort angriffen werden, wo wir angreifbar sind.“, sagt Bernhard Moestl. „Viele Menschen haben Angst vor ihrer Stärke und davor sie anderen zu zeigen.“ Für die Shaolin spielt bei der Entwicklung innerer Stärke der richtige Umgang mit Emotionen eine wichtige Rolle. Übermäßige Emotionen schwächen uns, machen uns angreifbar. Wir müssen nicht automatisch auf belanglose Brüskierungen mit Aggression reagieren. Wo Druck keinen Gegendruck vorfindet, geht jeder Angriff in die Leere. Aber vor dem Angriff zu weichen, bedeutet noch lange nicht, sich alles gefallen zu lassen, sondern nur sinnlosen Kämpfen aus dem Weg zu gehen.

Von allen Elementen wählt sich der Weise das Wasser zum Lehrer, schrieb ein chinesischer Gelehrter, Wasser gibt nach, aber erobert alles. Einem Angriff bewusst nichts entgegen zu setzen, bedeutet ihn seiner Energie zu berauben. Schon der kleinste Ärger kostet uns unnötig Energie, die wir woanders gewinnbringend einsetzen können.

»Wer sein Verhalten verändern will, kann in Gedanken die Situationen, in denen er wütend reagiert durchspielen und trainieren gelassener zu werden«, rät Bernhard Moestl. »Und das solange, bis es wir uns auch in der realen Situation anders verhalten.« Wir verlieren auch an Kraft, wenn wir auf das Verständnis, die Unterstützung und Anerkennung anderer warten. Dasselbe gilt für Unentschlossenheit. „Die meisten Menschen scheitern nicht an falschen Entscheidungen, sondern vielmehr daran, dass sie keine treffen. Dann wird für sie entschieden, was nur sehr selten zu ihrem Vorteil ist,“ meint Bernhard Moestl. Deswegen ist es in den Augen der Shaolin wichtig, etwas entschlossen und mit ganzer Überzeugung zu tun oder es zu lassen. Neben Unentschlossenheit beraubt uns Gier unserer Kraft. Sie ist zwar zutiefst menschlich, macht uns aber berechenbar und verletzbar. Ein Löwe z.B. tötet nicht zehn Zebras mehr, als er essen kann. Ein Löwe lebt im Augenblick und weiß, dass er immer genug haben wird, um zu überleben. Das Geheimnis wahrer Stärke ist also auch, Gefühlen wie Gier, Angst und Wut nicht zu erlauben, die Kontrolle über unser Handeln zu übernehmen. Denn nur selten hindern uns andere. Meistens blockieren wir uns selbst. Wenn wir uns an den 12 Prinzipien der Shaolin Mönche orientieren und uns an unsere Fähigkeiten und Stärken erinnern, werden wir vielleicht nicht wie die Shaolin unbesiegbar, aber stark genug um unsere wahre Größe zu entfalten, gelassener zu reagieren und Stärke auszustrahlen.

Was hat Sie dazu bewegt zu den Shaolin Mönchen zu gehen?

Mich haben ihre Stärke und das Shaolin Kung Fu schon als Kind fasziniert. Besonders begeistert hat mich die Möglichkeit stark zu sein, ohne kämpfen zu müssen.

Was haben Sie von den Shaolin-Mönchen gelernt? Was hat Sie besonders beeindruckt?

Am meisten geprägt haben mich dort die Weisheiten Buddhas: „Was du denkst, bist du und der Geist ist alles. Der Geist, die innere Klarheit und Ausrichtung der Shaolin ist ihre Stärke und nicht die rein körperliche Kampfkunst. Wichtig ist, was wir denken. Mit unserem Denken beeinflussen bzw. erschaffen wir unser Leben, unsere Welt. Wir ändern unsere Realität, indem wir unser Denken ändern. Das gilt auch für die Entfaltung der inneren Stärke. Negative Gedanken und Zweifel schwächen uns, positive stärken uns.

Wie können wir denn unsere Kraft bewahren ohne zu kämpfen?

Im Shaolin heißt es: »Ein Weiser beendet einen Kampf, bevor er begonnen hat.« Wir müssen nicht kämpfen. Wenn wir uns unserer Stärken bewusst sind, handeln wir souverän, fühlen uns nicht so schnell herausgefordert und angegriffen. Kränkung z.B. ist ein Kampf, den wir ohne den Gegner mit uns selbst führen. Sind wir unserer selbst sicher, kann man uns nicht kränken.

Welche Tipps können Sie unseren Leser/innen geben, wie sie die Prinzipien, der Shaolin-Mönche am Einfachsten umsetzen können?

Das Wichtigste ist mit ganzer Aufmerksamkeit dort zu sein, wo wir sind und nicht mit den Gedanken woanders. Das gilt für alles was wir tun, für unsere Arbeit genauso, wie für das Zusammen sein mit anderen Menschen. Das Prinzip der Entschlossenheit halte ich auch für sehr zentral. Wenn du das Schwert ziehst, musst du durchziehen, ansonsten lasse es stecken. Lasse es oder tue es, alles dazwischen verletzt und raubt Energie.

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