Im Gespräch : Yoga Aktuell

Im Gespräch : Yoga Aktuell

03 Dez 2021von Bernhard6 min

Sie sind SPIEGEL-Bestsellerautor, Vortragsredner, Zencoach und Asienexperte. Was haben Sie von der Philosophie Asiens gelernt?

BM: Die Denkweise der Asiaten begleitet mich schon sehr lange. Ich war gerade einmal zwölf, als ich jenen Ausspruch Buddhas gelesen habe, der mein Leben verändert hat: „Der Geist ist alles. Was du denkst, das bist du.“ Auch wenn ich am Anfang noch skeptisch war, wie so etwas funktionieren könnte, habe ich recht bald verstanden, dass wir unser Denken das einzige ist, das wir kontrollieren und daher verändern können. Gleichzeitig hatte die asiatische Kultur für einen Jugendlichen noch etwas viel faszinierenderes zu bieten: Die Kampfkunst, oder besser gesagt die Kunst des kampflosen Sieges. Ein wahrer Meister beendet einen Kampf, bevor er begonnen hat. Eine Idee, die nicht nur viel innere Stärke und Selbsterkenntnis, sondern auch die Bereitschaft voraussetzt, einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen, die man nicht gewinnen kann. Für mich sind die Asiaten vor allem Meister in zwei Dingen: im Understatement und im Umsetzen. Asiaten drohen nicht, sie kündigen nicht an, sie tun es einfach. Niemals geht es ihnen darum, gut da zu stehen, sie wollen Ergebnisse. Reden, so habe ich in den Jahren in Asien oft gehört, kocht nämlich keinen Reis.

Sie sind auch Zen-Coach. Mit welchen Fragen kommen die meisten Menschen in der heutigen Zeit zu Ihnen?

BM: Erlauben Sie mir eine kurze Erklärung, was ein Zen-Coach überhaupt ist. Das Prinzip hinter der buddhistischen Meditationspraxis des Zen, die ihren Ursprung vor über 1500 Jahren im legendären Shaolin-Tempel hatte, ist die Einsicht, dass alle Kraft von innen kommt. Jene, die uns am Leben erhält genauso wie jene, die uns zerstört. Daher versuche ich die Menschen, mit denen ich arbeite, dabei zu unterstützen, die Lösungen dort zu finden, wo sie bereits sind: in ihnen selbst. Die Fragen, die mir gestellt werden, lassen sich in ihrem Wesen auf eine einzige reduzieren: Was soll ich weiter tun? Wie gehe ich mit der Situation um? Dabei macht es keinerlei Unterschied, ob jemand von zu vielen Möglichkeiten erschlagen ist oder keinen Ausweg aus seiner Situation sieht. Als Coach begleite ich die Menschen bildlich gesprochen zum Bahnhof, stelle ihnen unterwegs die richtigen Fragen um sie in den passenden Zug zu setzen und bin erreichbar, falls unterwegs noch etwas ist.

Haben Sie die Fragen Ihrer Kunden in den letzten drei Jahren verändert?

BM: Definitiv. Heute unterstütze ich die Kunden vor allem dabei, Illusionen loszulassen ohne, dass sie das Gefühl haben, sich dabei selbst aufzugeben. Die Veränderungen, die mit teilweise erschreckender Geschwindigkeit vorangetrieben werden,  geben immer Menschen das Gefühl sich selbst zu verlieren. Dazu kommt der Verlust einer vermeintlichen Sicherheit, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat.

Gibt es so etwas wie drei Standardempfehlungen, die Sie Ihren Kunden mit auf den Weg geben?

BM: Interessanterweise gibt es so etwas tatsächlich. Solange wir nämlich nicht die Mechanismen verstehen, die unserem Verhalten zugrunde liegen, ist es sehr schwierig, etwas zu verändern. Neben dem bereits vorher erwähnten Ansatz, dass wirklich alle Kraft ausschließlich von innen kommt versuche ich meinen Kunden zu zeigen, dass uns nicht Ereignisse blockieren sondern alleine unsere Reaktion darauf. Wenn die Straße wegen eines Hangrutsches verschüttet ist, dann kannst du weinend davor sitzen oder dir einen anderen Weg suchen. Gleichzeitig merke ich aber, dass immer mehr Menschen nicht bereit oder fähig sind zu erkennen, in welcher Lage sie tatsächlich sind. Manche überschätzen ihre Ressourcen, doch die meisten unterschätzen sie. Hier empfehle ich immer, noch einmal genauer hinzusehen.

Welche Empfehlung können Sie den Lesern hier und heute ganz explizit geben, um in der heutigen ver-rückten Welt einigermaßen gelassen zu bleiben oder aber die eigene Mitte zu finden, falls diese noch nicht gefunden wurde?

BM: Auch hier geht es darum, die Mechanismen zu verstehen. Wenn jemand mir etwas erzählt, dann frage ich mich immer, warum er eigentlich möchte, dass ich das weiß. Oft ist der einzige Zweck negativer Informationen, das Gegenüber herunter zu ziehen. Oder warum sonst könnte es für mich wichtig sein zu erfahren, ob der Bürgermeister einer chinesischen Kleinstadt symptomlos positiv auf Covid getestet wurde? Ich habe mir angewöhnt, für mich nutzlose Informationen möglichst sofort wieder aus meinem Kopf zu entfernen. Das bedeutet übrigens auch, in der eigenen Mitte zu sein. Wir steigern uns viel zu oft in Dinge hinein, die uns persönlich überhaupt nicht betreffen. Am ruhigsten ist die Situation bekanntlich im direkten Auge des Sturms. Genau dort sollten wir auch bleiben.

Wie viel Zeit sollten man sich Ihrer eigenen Erfahrung nach jeden Tag für eine spirituelle Praxis wie Meditation o.ä. schenken?

BM: So viel, dass man diese Zeit noch als Geschenk betrachten kann. Das können zwei Minuten sein oder zwei Stunden. Wenn man das Gefühl hat, sich dazu zwingen zu müssen, ist es zu viel.

Wie lange sollte man eine Methode »durchziehen«?

BM: Solange man an ihr Freude hat. Grundsätzlich empfehle ich aber zumindest, zwei Wochen lang dran zu bleiben, damit eine gewisse Routine eintritt.

Wann merke ich, dass eine Meditation oder eine bestimmte Praxis oder ein Weg nichts für mich ist?

BM: Wenn ich mich mit der dahinter stehenden Idee nicht identifizieren kann. Jemand, der Buddhismus für eine esoterische Strömung hält wird keinerlei Freude an einer Zen-Meditation haben. Nur weil etwas gerade im Trend ist, muss es nicht für jeden passen.

Braucht es Ihrer Erfahrung nach eine Begleitung, oder reicht eine der vielen Meditationsapp-Anbieter, die heute auf dem Markt zu finden sind?

BM: Das kommt ganz darauf an, was jemand erreichen möchte. Brauchen tun wir meiner Meinung nach weder das eine noch das andere, aber manche fühlen sich einfach wohler, wenn sie das Gefühl haben, jemanden an ihrer Seite zu haben. Den Weg kann am Ende aber aber weder ein Begleiter noch eine App für uns gehen.

In diesem Jahr ist Ihr neues Buch erschienen »Der Traum vom unangepassten Leben. 24 Wege, deiner Sehnsucht zu folgen«. Ein unangepasstes Leben zu führen scheint heute nicht mehr allzu leicht zu sein. Hätten Sie sich beim Schreiben des Buches gedacht, dass wir irgendwann in einer Gesellschaft leben, in der es nur noch zwei vornehmliche Meinungen gibt? Und das die, die nicht regierungskonform ist, sofort Ärger bekommt, bzw. man als unsolidarisch, egoistisch oder fast schon nicht mehr zurechnungsfähig oder querdenkende bezeichnet wird?

BM: Meiner Meinung nach ist die aktuelle Situation das Ergebnis einer Entwicklung, die schon sehr viel früher absehbar gewesen ist, weshalb sie mich auch nicht wirklich überrascht hat. Was viele als „Globalisierung“ bezeichnen ist am Ende nichts anderes als eine gezielte Gleichschaltung der Menschen, die sich in unserer Kleidung ebenso ausdrückt wie in der Architektur und in unseren täglichen Gewohnheiten. Wo diese ihren Ausgang hat möge jeder für sich selbst beurteilen, auch wenn vielleicht die Überlegung hilfreich ist, dass die meisten unserer digitalen Hilfsmittel weder aus China noch aus dem Kongo kommen, genauso wenig wie übrigens Ausdrücke wie „Social Distancing“, die meiner Meinung nach ziemlich klar die Richtung vorgeben, in die es gehen soll. Abgesehen davon, dass es für alles auch einen deutschen Ausdruck gibt, was hat „Soziale Distanz“ mit physischem Abstand zu tun?

Wie sehen Ihre Ratschläge in der heutigen Situation für ein unangepasstes Leben aus. Ist das gerade überhaupt noch möglich?

BM: Warum sollte es denn nicht möglich sein? Unangepasst zu leben bedeutet ja nicht, extra das Gegenteil von dem zu tun, das alle machen, sondern vielmehr die Möglichkeiten zu ergreifen, die sich uns gerade bieten. Es bedeutet, uns wieder selbst in den Mittelpunkt zu stellen, unser Leben nicht mehr damit  zu verbringen, möglichst unserem Umfeld zu gefallen und zumindest ab und an daran zu denken, dass auch unsere Existenz auf dieser Erde so etwas wie ein Ablaufdatum hat.

Haben Sie drei Tipps, um der eigenen Sehnsucht zu folgen, um sich selbst zu verwirklichen oder sich selbst treu zu bleiben?

BM: Zuallererst müssen wir unserer Sehnsucht wieder einen Platz in unserem Leben geben. Zum zweiten müssen wir verstehen, dass es für nichts eine Garantie gibt. Egal, was wir tun, es kann immer gut oder eben daneben gehen. Und zu guter Letzt müssen wir unserer Sehnsucht auch dort treu bleiben, wo wir Gegenwind oder Widerstand spüren.

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